Literatur von Bettina Klusemann

 

 

 

Der Text befasst sich mit Auguste Böhmer, der Tochter von Caroline Schlegel und versucht, einen Einblick in das kurze Leben des Kindes zu geben, das 15jährig in Bad Boklet der Ruhr erlegen ist. Fünfzehn unruhige und wenig kindliche Jahre hat sie mit ihrer Mutter und den Gelehrten und Schriftstellern des Jenaer Kreises der Frühromantiker verbracht und lernte Tod und Gefangenschaft, politische und erotische Intrigen im Umfeld der von allen umschwärmten Mutter kennen. Sie ist daran zerbrochen.

 

Leseprobe:

 

»Stirb nicht, Augustchen, wenigstens nicht vor Betrübniß.«

Ein scherzhafter Satz, ahnungslos hingeworfen, leicht und ironisch, wie es üblich ist zwischen Friedrich Schlegel und Auguste Böhmer. Der Umgangston zwischen dem Schriftsteller und dem Kind ist locker und scherzhaft. Und doch fröstelt man, wenn man das Ende kennt. Zweieinhalb Jahre später ist Auguste tot. Sie wird nur fünfzehn Jahre alt.

Über die Mutter ist viel geschrieben worden. Sie wurde gelobt und verdammt, zu viele Affären hat man ihr angehängt. Ist sie doch die berüchtigte Professorentochter, der Mittelpunkt der Göttinger Tischgesellschaften, Caroline Michaelis, die ihre Finger von keinem Mannsbild lassen konnte. Nach ein paar glücklosen Ehejahren mit dem Clausthaler Bergarzt Böhmer folgte sie dem Schriftsteller Wilhelm Schlegel als dessen Ehefrau nach Jena, verliebte sich in Mainz in den aufständischen Republikaner Georg Forster, dann in Friedrich Schlegel, den Bruder ihres Gatten, wurde schwanger von einem blutjungen Franzosen, und verließ ihren Ehemann, um den Philosophen Schelling zum Mann zu nehmen. Bei all den Skandalen war kein Platz für Auguste. Sie wurde in der literarischen Rezeption schlichtweg vergessen. Die Literaturwissenschaft erwähnt Auguste nur am Rande.

Auguste Böhmer war die Tochter des Bergarztes Wilhelm Böhmer. Aber es gibt auch eine andere Lesart. Man munkelt, sie könne Goethes Tochter gewesen sein. Ihrer Mutter eine Liäson mit Goethe anzuhängen, scheint so abwegig nicht. Aber bewiesen ist nichts. Daran ändern auch Ohr und Lippen nichts, mit denen der Maler Tischbein Augustes Porträt versehen hat, und die an die Frau Rath Goethe in Frankfurt erinnern sollen. Und was beweist es schon, dass Caroline das Bild der toten Auguste neben Goethes Konterfrei rückt? Und auch, dass Auguste mit Hingabe das Lied der »Mignon» sang beweist gar nichts. Ihr letzter Liedervortrag »Es war ein König in Thule getreu bis an das Grab...«, ist eben nur ein Liedchen, dahin geträllert von einem schwärmerischen Kind.

Wir haben nichts als Vermutungen, Ideen und voyeuristische Phantasien.

Goethe selbst erwähnt Auguste offenbar nie. Warum beteiligt er sich dennoch an der Gestaltung ihres Grabmals, das Caroline detailliert beschreibt? Es solle »die Mutter am Altar des Aeskulaps aus einer Schale trinkend« zeigen, »welche ihr die Tochter reicht, inzwischen diese von einer Schlange in die Fersen verwundet wird.« Das Monument, an dessen Inschrift Goethe mitwirkte, wurde nie aufgestellt.

So wie Augustes Geburt von Gerüchten begleitet ist, so ist es auch ihr Tod. Die Regenbogenpresse hätte ihre Freude daran gehabt. Kuppelei, Ménage à trois, wenn nicht gar à quatre, verpfuschte Heilmethoden, Verschleierung, Unfähigkeit oder bewusstes Unterlassen, – alle Register des Trivialen wurden damals gezogen. Wie es sich wirklich verhielt, kann kaum endgültig rekonstruiert werden.

 

 

Amazon