Literatur von Bettina Klusemann

Wieso gerade Kastanienblüten?

Zwei Jahre (6. Juli 1942 – 4. August 1944) hielt sich das jüdische Mädchen Anne Frank in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nazis versteckt. Aus einer Dachluke konnte sie in den Himmel und auf einen Kastanienbaum schauen. Er war ihre Hoffnung. Ihrem Tagebuch vertraut sie im Mai 1944 an: „Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.“ Kurze Zeit später wurde das Versteck entdeckt. Anne verstarb im Konzentrationslager Bergen-Belsen.

Link zum Anne-Frank-Museum in Amsterdam  www.

 

Warum gerade Anne Frank:

Der Roman handelt von einem jüdischen Jungen, dessen Eltern in Auschwitz interniert waren. Er konnte dem Schicksal entgehen, das Anne Frank erlitten hat. Die Traumatisierung seiner Eltern haben auch sein Leben geprägt. 

 

 

 

 

  

  

Bettina Klusemann

Die Unschuld der Kastanienblüten


 

 

Die Kinder Sophie und Hanno finden in der Nachkriegszeit am katholischen Niederrhein zueinander. Hannos Eltern haben Auschwitz überlebt. Noch ist der Geist des Nationalsozialismus überall deutlich spürbar. Die Familien kämpfen gegen Ablehnung und Vorurteile, an denen Hannos Vater zerbricht. Er nimmt sich das Leben. Für Hanno beginnt eine rastlose Zeit des Suchens nach Identität. Als aus der kindlichen Freundschaft Liebe wird, hofft Sophie auf eine gemeinsame glückliche Zeit. Wird Hanno ihr diesen Wunsch erfüllen können? Sophie gibt die Hoffnung nicht auf.

 

 

 

 

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Leseprobe:

 

 2. Kapitel: Kriegsschauplatz (1945 bei Görlitz)

 

Im Halbschlaf lösten sich Schatten aus der Dunkelheit. Meine Mutter winkte mir zu. Komm, schien sie zu sagen, ich nehme dich bei der Hand und wir gehen noch einmal den Weg, den wir damals gegangen sind. Weißt du noch, Berlin, damals im Herbst achtundvierzig?

An schlafen war nicht mehr zu denken. Ich stand auf und stöberte im Karton mit meinen Kindheitsfotos. Ein kleines Bildchen mit Zackenrand lag obenauf, ich hatte es schon oft in die Hand genommen. Sophie als Sechsjährige mit Affenschaukeln und eingebundenen Schleifen. Mein Vater hatte es gemacht. »Oktober 1948« stand auf der Rückseite.

 

 

Als ich drei Jahre alt war, lernte ich den Krieg kennen. Oma und Mama klebten an unserem Volksempfänger und ab und zu erhaschte ich ein paar Worte. Kriegsschauplatz mochte ich besonders. Ich stellte mir eine Arena vor. Leute saßen auf Bänken und schauten auf den Kriegsschauplatz in der Mitte, auf dem Soldaten sich gegenseitig die Köpfe abschlugen. In unserem Dorf gab es so einen Schauplatz nicht. Es war auch nur ganz klein. Hier kannte ich jedes Haus. Es gab die Neiße und im Herbst sammelten sich die Störche auf den Wiesen.

Und dann plötzlich hatten wir ihn doch, den Kriegsschauplatz. Es war furchtbar laut in der Nacht, sodass ich mich bei Mama im Bett verkroch und mir die Ohren zuhielt. »Hab Angst«, wimmerte ich. Soll weg sein.« »Tiefflieger, sind gleich weg«, sagte Mama. Dabei drückte sie mich so fest, dass ich zappelte und mich frei strampelte. Plötzlich stand Oma in der Tür und rief: »Der Himmel brennt. Das ist der Weltuntergang.«

Mit mir an der Hand rannte Mama ans Fenster und wir starrten in den weiten roten Himmel ohne Mond und Sterne, nur überall Rot.

»Dresden?« Mamas Stimme wurde von ihren Tränen verschluckt. Ich verstand sie nicht. Oma betete schon wieder. »Herr im Himmel, erbarme dich unser.«

Wieder brummten Tiefflieger über das Dorf. Ich lag zwischen Oma und Mama im Bett und hörte ihr Flüstern. »Es ist vorbei. Wir können nur noch beten.« Unter dem Gemurmel von »Vater unser im Himmel … « schlief ich ein.

In den nächsten Wochen kamen viele Menschen über die Neiße ins Dorf. Sie waren dreckig und nass, manche trugen nicht mal Schuhe. »Flüchtlinge«, sagte Mama. »Das ist der Anfang vom Ende.« Ich fand, dass sie sehr arm waren. Ihre Kinder hockten auf Handwagen, waren nur mit Lumpen oder einer Pferdedecke zugedeckt und starrten mich an.

»Es ist zu kalt für euch hier draußen«, sagte Oma, »kommt rein.«

Mama gab den Leuten trockene Sachen, die Kinder wurden in der Zinkwanne gebadet, und dann saßen sie in der Küche um unsere große Schüssel mit Omas Mehlsuppe herum. Nachts hörte ich die Frauen stöhnen und flüstern »Frau komm.« Und dann weinten sie.

Am nächsten Tag zogen sie weiter und neue Leute kamen ins Dorf. Oma kochte Suppe und Mama suchte die letzten warmen Sachen zusammen. Einmal stand sie mit einem Pullover vor einem Mann. »Ob der Ihnen passt?« Ich schrie und trampelte auf den Küchenboden. »Lass das. Das ist Papas Pullover. Das darfst du nicht.« Der Mann lächelte mich an. »Du hast recht. Wenn er deinem Papa gehört, kann ich ihn nicht nehmen.« »Mein Mann ist im Krieg. Er braucht den Pullover jetzt nicht«, sagte Mama und drückte dem Mann den Pullover in die Hand. Aber er ließ ihn fallen und ging.

»Undankbar«, sagte Mama. »Er wird das noch bereuen.«

»Du bist doof!«, rief ich. »Ich will dich nie wieder sehen.«

»Was soll das, Sophie? Wer weiß denn, ob Papa noch lebt.«

Obwohl ich meinen Vater noch nie gesehen hatte, war ich traurig und wütend darüber, was Mama da sagte.

»Papa, Papa«, rief ich. »Wo bist du denn?«

Oma kam mit einem Topf dampfender Suppe aus der Waschküche hoch. Sie kochte im Waschkessel, weil unsere Töpfe für die vielen Leute zu klein waren.

»Was ist los?«, fragte sie. »Es geht ja hier zu wie in der Judenschule. Wir haben ganz andere Sorgen, Katja. Hast du nicht die Wehrmacht gesehen, die mit schweren Lastern auf die Neiße zurollt?«

»Was geschieht da?«

»Die Leute erzählen sich, dass die Nazis die Brücke sprengen wollen. Dann sind wir vom Osten abgeschnitten und die Russen können nicht über den Fluss. Ich glaube, so wollen sie die Invasion stoppen.«

»Keine Russen! Keine Russen!«, rief ich und hüpfte vergnügt durch die Küche. Warum freuten sich Oma und Mama nicht auch?

»Es ist aus«, sagte Mama und zog ein Stück Papier aus der Schürzentasche. »Ein Brief von Justus. Lies selber.«

Oma griff so hastig nach dem Brief, dass sie mich umrempelte, als sie den Arm ausstreckte. Ich stolperte und stieß mit der Stirn gegen den Küchentisch. »Raus mit dir!«, rief Oma. »Geh spielen.«

Draußen in der Sonne hockte der fremde Junge neben dem Ziegenstall und scharrte ein paar Körner für die Hühner zusammen. »Ich hab Murmeln«, sagte ich, »spielst du mit?«

»Nee. Guck mal, was ich gefunden hab!« Er griff hinter sich und zeigte mir seinen Fund. Es war eine Eierhandgranate. »Sieht aus wie ein Osterei. Kriegst du aber nicht.«

»Ich geh zur Brücke«, sagte ich. »Will gucken, ob die Russen kommen.«

»Bist du verrückt? Die erschießen uns alle.«

Ich rannte davon und der Junge mit der Handgranate hinter mir her. Ich stolperte über die Wiese, fiel hin, rappelte mich auf und rannte weiter. An einem Eisenträger baumelte ein deutscher Wehrmachtssoldat. Er hatte ein Schild um den Hals. Aber ich konnte noch nicht lesen.

»Das waren die Russen«, heulte der Junge. »Ich mach die alle tot.«

Wir verrieten niemandem, was wir gesehen hatten.

Noch war die Brücke offen und immer mehr Flüchtlinge kamen. Inzwischen wurde es wärmer und Krokusse blühten im Garten. Sie sahen aus wie bunte Ostereier.

»Bekomme ich Ostereier?«

»Nein. Die Hühner legen schlecht. Wir haben kein Futter für sie.«

Als ich sah, dass Oma dem Flüchtlingskind ein Ei zusteckte, boxte ich sie in den Bauch. »Du bist gemein, Oma. Das sind meine Ostereier.«

»Hier«, sagte der Flüchtlingsjunge, »hier haste meins.« Ich riss ihm das Ei aus der Hand und versteckte mich damit hinter den Rhabarberblättern im Garten.

In der Nacht erfuhr ich wieder, was ein Kriegsschauplatz war. Es krachte und donnerte, die Wände zitterten, mir kam es vor, als würde das Haus schwanken. Mama heulte, Oma betete und der Flüchtlingsjunge, der mir das Ei gegeben hatte, kam zu uns in die Schlafstube gerannt.

»Sie sprengen die Brücke!«, schrie er. »Meine Eltern sind doch noch drüben.«

»Komm, Junge«, tröstete Oma, »leg dich zu uns.« Er kroch mit unter die Bettdecke, wir kuschelten uns aneinander und dann haben wir alle gebetet.

»Vater unser, der du bist im Himmel … «

Am nächsten Tag war der Junge mit der Handgranate weg. Ich kannte nicht mal seinen Namen.

Nun kamen keine Flüchtlinge mehr über die Neiße. Dafür wimmelte es von Russen. Oma und Mama behielten mich im Haus, ich durfte nicht zur Neiße und auch nicht auf den Gutshof. Die Frauen tuschelten, hielten mir die Ohren zu. Ich konnte trotzdem Schreie hören. Wenn draußen ein Russe durchs Gebüsch kroch, hielten sie mir auch noch den Mund zu. Die fremden Männer nahmen uns die Kaninchen weg, schlachteten die Ziege und stahlen die Eier aus den Hühnernestern. Ich hatte ständig Hunger. Milch hatten wir auch nicht mehr. Ich fand den Krieg besser, weil es da keine Russen gab und wir immer genug zu essen hatten und nicht immer überall Frauen schrien. Im Herbst kam wieder ein Brief von Papa. Mama freute sich aber gar nicht. Sie weinte ganz schrecklich und sagte zu Oma, dass Papa jetzt ein Kriegsgefangener sei. Dann las sie Oma den Brief vor. Ich verstand nicht viel. Aber ich glaube, er schrieb: »Mir geht es gut.« Wieso war Mama dann so traurig?

»Wo ist Papa?«, wollte ich wissen. »In der Judenschule?«

»Wie kommst du denn da drauf?«

»Ihr sagt das doch manchmal.«

»Halt den Mund.«

»Warum?«

»Ich will das nicht hören. Papa ist in einem anderen Land. Ganz weit weg. In Frankreich.«

»Besuchen wir ihn mal?«

»Nein. Das geht nicht.«

Zwei Jahre später kam wieder ein Brief aus Frankreich. Papa war entlassen worden.

»Er wohnt in Düsseldorf bei seinem Vater. Ich fahre natürlich sofort hin.«

Ich begriff, dass ich in Gefahr war. Niemals würde ich mit Mama in eine andere Stadt gehen. Ich klammerte mich an Oma und bettelte:

»Oma, darf ich hierbleiben?«

Oma starrte meine Mutter an. »Was denkst du dir denn? Soll das Kind etwa bei mir bleiben?«

»Sie kann nicht mit. Wir haben ja keine Wohnung. Sobald alles geregelt ist und Justus Arbeit gefunden hat, hole ich sie nach.«

»Oh ja, Oma. Lass mich bei dir bleiben. Bitte.«

»Du siehst ja, dass sie nicht mit will. Düsseldorf ist doch fremd für sie.«

Mama wischte sich über die Augen.

»Ja, das wird es wohl sein.«

Ich hing noch immer an Omas Schürze, die so gut nach Mehlsuppe roch. Am liebsten hätte ich mich darin verkrochen, wenn Mama nicht gewesen wäre, die mich streng ansah und mit dem Finger drohte. »Sophie, du wirst brav sein, wenn du bei Oma bleibst. Dass mir keine Klagen kommen, hörst du?«

»Lass doch das Kind.«

»Also abgemacht. Sophie kann bleiben. Sie kennt ihren Vater ja nicht einmal.«

Eine Woche später reiste Mama ab. Dass ihre Suche ein Jahr dauern würde, hatte sie mir nicht gesagt. Aber das machte mir nichts aus, denn ich war gerne bei Oma.

 

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