Literatur von Bettina Klusemann

 

Prolog
Ich, Dr. Charlotte Meyer-Reifferscheidt, Tochter aus gutem Hause, habe eine Bank überfallen. Ich habe Leben aufs Spiel gesetzt. Die strafrechtlichen Konsequenzen werde ich tragen. Ich bereue nichts.
Im Gegenteil. Ich ließ nichts unversucht, die Bombe platzen zu lassen.
Als ich Isa bei meiner Mutter abgab, sagte ich ihr, ich hätte ein Pressegespräch. Irgendwo im Essener Norden. Das war natürlich nur ansatzweise die Wahrheit. Hätte sie erfahren, um was es wirklich ging, dann hätte sie mir den brisanten Plan ausgeredet. Das musste ich um jeden Preis vermeiden. Dass ich in den Norden fuhr, stieß bei meiner Mutter schon an die Grenzen des Erträglichen.
»Treibst du dich neuerdings zwischen Türken rum und guckst vielleicht noch Hartz IV-Empfängern in die Kochtöpfe? In die Ecken bist du doch früher nie hingegangen. Wo triffst du den Typen denn?«
Das hätte ich selbst gern gewusst. Ich hatte den Zettel mit der Hausnummer auf meinem Küchentisch vergessen und in der Gegend sahen alle Häuser gleich aus, verkratzte Haustüren, Graffiti an den Fassaden. Geh nach Hause, Charlotte, sagte ich mir, noch ist Zeit, aber da fiel der Blick eines jungen Mannes in verschossenen Jeans auf mich und nagelte mich fest. Er stand auf der Straße rauchte und sah aus, wie ich mir einen Vorstadtjournalisten vorstellte. Blass, ärmlich und miserabel gekleidet.
Er taxierte mich penetrant. Irgendwie schien ich weder in sein Weltbild noch in dieses Viertel zu passen. »Hi. Sind Sie Frau Mayer?« Ich sagte erst mal nichts.
»Wissen Sie, ich hasse so’ne Warterei.« Er tippte mit dem Zeigefinger auf die Armbanduhr, ließ seine Zigarette wippen und die Asche auf meine Schuhspitzen rieseln, grinste und erklärte: »Keine Angst. Wir holen das Viertelstündchen wieder rein. Gehen wir mal.«
Klar ging ich. Mir blieb ja keine Wahl. Ich war pleite und brauchte das Geld. Der Redakteur führte mich in sein Vorzimmer. Es besaß ansatzweise die Ausmaße eines Schuhkartons der Größe 49. In einer Ecke verstaubten Stapel alter Zeitungen. Danach gelangten wir in seinen Büroraum, Schuhkarton 52, in den kein bisschen Tageslicht eindringen konnte, weil das einzige Fenster sich im Karton 49 befand.
»Tach erst mal. Lassen Sie die Tür mal auf«, begrüßte mich der junge Mann, der sich mit einem kräftigen Händedruck als Wilm Hagelöer vorstellte. »Dann zieht der Rauch besser ab. Auch’n Kaffee?«
»Danke, nein«, stotterte ich und begutachtete meine Schuhe, unsicher, ob ich nicht in den Hundehaufen neben der Autotür getreten war. »Mein Magen, wissen Sie.«
»Zigarette?«
»Danke. Hab ich mir abgewöhnt.«
Hagelöer lachte und schüttete den vierten Löffel Zucker in seine Kaffeetasse.
»Finden Sie komisch, was? Ich hab noch immer die Hoffnung, mir damit das Rauchen abzugewöhnen. Klappt aber nicht. Egal. Fangen Sie einfach mal an.«
Mein Kopf war von bösen Geistern besetzt. Irrlichter umtanzten mich und schnappten nach jedem Gedanken, bis ich ausgehöhlt am Tisch saß und keinen Satz herausbrachte.
Hagelöer starrte mich an. »Was nun? Erraten kann ich Ihre Story nicht. Sie müssten mir schon erzählen, warum Sie den Überfall inszeniert haben. Sie hätten sich das Zeug doch besorgen können wie jeder andere auch.«
»Zeug« hat der gesagt. Eine verdammte Beleidigung. Ich werd dem Typen nicht erzählen, wie ich an meine Tochter gekommen bin. Jetzt erst recht nicht. Mir fiel sowieso nichts mehr ein und ich gab mich erst mal entrüstet.
»Jede andere«, verbesserte ich. »Oder gibt’s in Ihrem Leben nur Männer?«
»Nee, bin Hetero.« Sein leicht ironischer Blick verwirrte mich. »Lassen Sie sich ruhig Zeit. Sie haben es doch nicht eilig.«
Typisch Mann, dachte ich, da wartet ein Neugeborenes auf mich und er hat alle Zeit der Welt. Trotzdem widersprach ich nicht.
Hagelöer rieb sich die Hände und stellte das Diktiergerät auf den Tisch. Ich hörte ihn pfeifen, als er eine Kassette einlegte, und dachte an das Geschrei, das Isa jetzt sicher bei meiner Mutter veranstaltete. Ich machte einen letzten Anlauf zur Umkehr: »Können wir nicht ein anderes Mal...«
Hagelöers Augen blickten verständnislos an mir vorbei auf die Kaffeemaschine, in der ein Rest des schwarzen Suds verkochte. »Wieso denn? Jetzt sind sie mal hier. Doch ne Zigarette?« Er warf eine verbeulte Packung auf den Schreibtisch. »Das beruhigt, sag ich immer.«
»Mich nicht. Lassen sie uns die Sache möglichst schnell hinter uns bringen.«
Hagelöer musterte mich stirnrunzelnd und schien allmählich zu begreifen. »Wollen Sie lieber gehen? Ich meine, wenn Sie Bedenken haben, dann vergessen wir’s einfach.«
»Nein, nein«, sagte ich so hastig, als müsse ich mir selbst zuvorkommen. »Ich brauche das Geld.«

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